Mittwoch, Dezember 07, 2005

Das Web sind wir

von http://www.heise.de/tr/artikel/print/60731

Das Web sind wir
[21.06.05]



Foto: Manfred Klimek


TR-Autor Mario Sixtus sieht das Ende der Anonymität im Internet kommen. Hat er recht oder ist er einem Hype aufgesessen? Diskutieren Sie mit Forum oder im CIWI-Netzwerk[1]!

Es geht um Jobs, um Business oder einfach nur um nützliche Kontakte. Man bahnt Geschäftsbeziehungen an, knüpft Netzwerke und Seilschaften. Man tauscht Adressen aus, vermittelt Ansprechpartner, öffnet anderen Türen und hofft selbst auf den entscheidenden Zugang. Auf die richtigen Beziehungen kommt es an. Genauso wie im echten Leben.

LinkedIn gibt sich als elitärer Business-Zirkel. Doch man trifft sich nicht in der realen Welt, sondern im World Wide Web. Raum und Zeit spielen keine Rolle. Das Vereinsleben regelt ein Stück Software. Im Jahr 2003 begann LinkedIn mit 40 000 Nutzern. Seither hat der Dienst nach eigenen Angaben weltweit bereits mehr als 2,8 Millionen Mitglieder gewonnen. Im Oktober letzten Jahres konnte das Unternehmen sogar weitere zehn Millionen Dollar Risikokapital einwerben. Der Erfolg von "sozialen Netzwerken" wie LinkedIn gibt selbst Skeptikern zu denken.

"Social Software" nennt sich der neue Trend. Im weitesten Sinne sind damit alle Anwendungen gemeint, die menschliche Kommunikation, Interaktion und Zusammenarbeit unterstützen, also auch Groupware, E-Mail oder Instant Messenger. Seit einigen Jahren steht der Begriff jedoch vor allem für Web- Anwendungen, die auf der Viele-zu-viele-Kommunikation des Internets aufbauen.

Das neue Leben im Web ist nicht zu übersehen: Überall schießen Weblogs aus dem Netz, jene Online-Journale, in denen sich Menschen der Welt mitteilen und mit anderen kommunizieren. Soziale Netzwerke bringen Geschäftspartner, Hobbyisten oder die Freunde von Freunden zusammen. Andere Dienste ermöglichen den Nutzern, ihre Fotos, Browser- Lesezeichen, Musikempfehlungen oder Web-Suchergebnisse mit anderen auszutauschen.

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PARALLELE WELTEN


Schon rufen die Visionäre das "Web 2.0" aus. Man begeistert sich für radikal neue Formen sozialer Interaktion, für "virtuelle Mehrheiten" und "Schwarmintelligenz". Das aufgeregte Wortgeklingel klingt verdächtig nach der nächsten Internet- Blase, nach einer weiteren angeblichen "Killertechnologie", die das Netz revolutionieren soll. "Ich habe solche Hypes schon oft erlebt", meint der Software-Unternehmer und Internetguru Dave Winer: "Social Software gibt es seit Jahren. Was ist die große Neuigkeit?"

Sicher: "Social Software" wie cc-Mails, Gruppenkalender oder Instant Messaging nutzen wir seit langem. Alle diese Technologien haben zwar komfortablere Kommunikation gebracht, aber weder das Netz noch die Gesellschaft umgekrempelt. Warum soll jetzt plötzlich alles anders sein? Die Antwort liegt möglicherweise nicht bloß in einer Hand voll neuer Technologien, sondern in einem tief greifenden Kulturwandel, der zurzeit das Netz erfasst.

"Wir erleben gerade das Ende des Cyberspace", sagt Joi Ito bedächtig. Wir treffen uns im Pariser Büro des Software- Unternehmens Six Apart, einer Social-Software-Firma, an der Ito beteiligt ist. Der 39-jährige Japaner hat selbst alle Verpuppungsphasen des Netzes miterlebt. Einst schraubte er an Rechnern herum, philosophierte mit dem Drogen-Guru Timothy Leary über Chaos und Cyberkultur und stopfte sein Badezimmer mit Servern und Netzwerkkabeln voll. Daraus entstanden die Firmen PSINet Japan und Infoseek Japan. Während des Internet-Booms verkaufte er Unternehmen wie Rakuten, Nippons größtes Online-Portal, oder brachte sie an die Börse.

Heute ist Joi Ito einer der ehrenamtlichen Direktoren der Internet- Verwaltung ICANN, sitzt mehreren Regierungskomitees und Non-Profit-Organisationen vor und verbringt einen Großteil seines Lebens auf Konferenzen irgendwo auf der Welt. Trotz seiner Biografie ist Ito ein Computer- und Internet- Freak neuen Typs. Vor allem ist er kein Rebell - wie etwa ein gewisser John Perry Barlow seinerzeit, im Jahr 1996.

Der ehemalige Rinderzüchter, Texter der Gruppe Greatful Dead und Gründer der Bürgerrechtsbewegung Electronic Frontier Foundation verkündete damals auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos ein zornig-pathetisches Pamphlet. "Der Cyberspace liegt nicht innerhalb eurer Hoheitsgebiete", lautete seine Botschaft an die "müden Giganten aus Fleisch und Stahl". Und: "Unsere persönlichen Identitäten haben keine Körper." Barlow beschrieb das Internet als eine separate, autonome Welt, die gegen Eindringlinge verteidigt werden musste. "Barlows Unabhängigkeitserklärung damals, das war eine andere Zeit, die ist jetzt vorbei", sagt Ito knapp.

Einige Jahre nach Barlows Rede platzte die Dotcom-Blase. Zurück blieb ein Web, das tief gespalten war in zwei parallele Welten. Die eine gleicht einem gigantischen, glitzernden Einkaufszentrum, die andere mal einem zwielichtigen Schattenreich, mal einem Maskenball. In der einen Welt erledigen wir unser Onlinebanking, kaufen und verkaufen alte Kinderfahrräder über Ebay, bestellen Bücher und CDs. Hier lesen wir die Nachrichten und informieren uns über die Wetteraussichten. In dieser Welt residieren die monolithischen, agenturgepflegten Unternehmens-Websites. Zwar gibt es Schnittstellen zur realen Welt. Aber es begegnen uns keine Menschen.

In der anderen Welt, in Webforen und Chaträumen, geht es lebendiger zu. Doch wieder treffen wir nicht auf Menschen, sondern auf anonyme, gesichts- und geschichtslose Cyber-Wesen. Hier fachsimpelt man über Computer und Autos, man chattet über Politik, Sex oder das Fernsehprogramm. Hier simuliert man Identität - oder gleich mehrere Identitäten zugleich. Hier tobt man Fantasien, Begierden oder einfach bloß Stimmungen aus. Wer sich hinter RealNeo665, Crippled- Mind oder face1004 verbirgt? "On the internet nobody knows you're a dog", hieß es einmal.

Welche Relevanz hat das Geschnatter mit Unbekannten, über deren reales Leben man höchstwahrscheinlich nie etwas erfahren wird? Würden Sie CrippledMind ohne weiteres einen Job vermitteln? Und würden Sie ihm abkaufen, was er aus seinem angeblichen Leben erzählt? Woher wüssten Sie überhaupt, ob es er oder sie ist?

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MASSENVERANSTALTUNG WEB


"Noch vor wenigen Jahren waren die Online- und die Offline- Welt nahezu komplett voneinander getrennt", sagt Ito: "Was wir im Netz trieben, verstanden die Bewohner des ,Meatspace‘ sowieso nicht. Es gab also keine Notwendigkeit, diese beiden Identitäten miteinander zu synchronisieren." Das aber ändert sich gerade, glaubt Ito.

Mit der zunehmenden Verbreitung von Internet-Zugängen hat sich das Web zur Massenveranstaltung gewandelt. Das neue Publikum brachte neue Bedürfnisse mit: Plötzlich stellten auch Kanarienzüchter ihre persönliche Seite ins Netz. Literaturfreunde und Ökologieinteressierte suchten im Web nach Gleichgesinnten, und seit Ebay ist der Internet-Handel zu einer Art Breitensport geworden. "Zu den Heavy-Usern des Netzes gehören immer mehr ,normale Menschen‘, der Anteil der Computerfreaks wird permanent kleiner", sagt Ito. Das Resultat dieser Entwicklung: "Es macht keinen Sinn mehr, zwischen Online- und Offline-Welt zu unterscheiden."

Es ist eine erstaunliche Volksbewegung, die sich derzeit formiert. Computer-Freaks und Netzrebellen sehen anders aus. Die neuen Web-Bewohner kommen als Siedler, nicht als Revolutionäre. Sie machen es sich gemütlich und bringen die Sitten aus der realen Welt mit. Das Netz bekommt ein Gesicht. Viele Gesichter. Wir sind das Web.

DIE BLOGOSPHÄRE


Weblogs bilden den ersten großen Siedler-Treck in die neue Netzwelt. Die kleinen Online-Journale werden mal als Tagebücher belächelt, zur Therapieform einsamer Seelenexhibitionisten oder zur publizistischen Revolution erklärt. All das ist richtig oder kann es zumindest sein - doch darauf kommt es nicht in erster Linie an.

Primär sind Weblogs (kürzer: Blogs) eine Technologie. Im Kern handelt es sich um simplifizierte Varianten großer Web- Content-Management-Systeme. Mit Blog-Software ein Journal im Web zu führen ist in etwa so einfach, wie eine E-Mail zu verschicken. Ein Blog kann ein Tagebuch sein, eine wissenschaftliche Publikation oder eine Sammlung öffentlicher Notizzettel -- mal dies, mal das. Darauf kommt es an.

Rund elf Millionen Weblogs erfasst der Weblog-Suchdienst Technorati zurzeit. Die Schätzungen über die Zahl der weltweit existierenden Blogs schwanken zwischen 15 und mehr als 60 Millionen. Deutschland ist Nachzügler: Der Dienst Blogstats. de zählt etwa 60 000 deutschsprachige Blogs. Sowohl Technorati als auch Blogstats beobachten das gleiche Phänomen: Etwa alle fünf Monate verdoppeln sich die Zahlen. Und wer meint, dass er was zu sagen hat, kann mit "Podcasting" auf Basis von Blog-Technologie mittlerweile sogar Radio machen. Einige Weblogs sind in den USA bereits populärer als manche Tageszeitung und setzen beachtliche Summen durch Bannerwerbung um.

Die wahre Seele der Blogwelt entdeckt man jedoch erst, wenn man sich die kleinen persönlichen Journale anschaut, die täglich vielleicht eine Hand voll Leser haben. Und hier begegnen wir nun endlich echten Menschen. Zwar gibt es natürlich auch etliche anonyme Blogger -- wer jedoch ernst genommen werden will, schreibt unter seinem realen Namen. Viele veröffentlichen sogar Porträtfotos und persönliche Angaben auf einer "About"-Seite.

Joi Ito findet diese Abkehr von der Anonymität nur logisch: "Wer sich online eine Reputation erarbeitet, indem er beispielsweise über ein Fachgebiet schreibt, der will dieses Ansehen auch im richtigen Leben nutzen. Das geht nur, wenn man ihn dort wiedererkennen kann."

Für Thomas Burg, Leiter des Zentrums für Neue Medien an der Donau-Universität Krems, sind Weblogs eine Antwort auf die Frage der "persönlichen Präsenz" im Web: "Früher waren die Menschen verstreut in irgendwelchen Message-Boards, das waren gemietete Räume, dort konnte man keine Beständigkeit als Person aufbauen." Kontinuität könne man nur durch Persönlichkeit, durch Individualität und durch eine gewisse Offenheit erzeugen. "Es ist etwas vollkommen anderes, als in einem Forum zu schreiben", meint der Münchener PR-Experte Klaus Eck, "dort geht man als Person unter, es sind einfach zu viele Menschen da." Eck glaubt, dass der persönliche Stil eines Bloggers bis zu einem gewissen Grad sogar dessen "Mimik und Gestik ersetzen" kann.

Der Unterschied zwischen Blogs und den Ich-und-mein- Hund-Homepages der 90er Jahre besteht zunächst in einer Summe von Techniken, die Kommunikation und Vernetzung unterstützen. Jede Weblog-Software meldet einen neuen Eintrag an einen oder mehrere Server, deren Update-Listen dann wiederum von weiteren Diensten konsultiert werden, beispielsweise von speziellen Blog-Suchmaschinen. Diese Mel- dung, der so genannte "Ping", sei der "Herzschlag des Blogtums", sagt der Wiesbadener Web-Entwickler Ralf Graf.

Doc Searls, Buchautor und Redakteur des Linux-Journals, erklärt die Effizienz der Technik anhand von Damenunterwäsche. Als der Wäschehersteller Victoria's Secret vor einiger Zeit einen neuen BH auf den Markt brachte, fand der Blog-Suchdienst Technorati kurze Zeit nach dem Produktlaunch gleich hunderte von Erwähnungen in Weblogs: "Ganz normale Frauen hatten ihre ersten Erfahrungen mit dem neuen Ding geschildert", erzählt Searls. Dienste wie Popdex, Daypop oder Blogstats.de nutzen die Ping-Technik, um sich über neu gesetzte Hyperlinks zu informieren und daraus aktuelle Link- Hitparaden zu basteln. Diese Charts dienen als Aufmerksamkeitsmesser, sie geben Auskunft darüber, welche Themen gerade für Diskussionsstoff sorgen -- ob Unterwäsche, George W. Bush oder spannende neue Technologien.

"Blogs sind Gespräche", sagt Doc Searls. Eine Kommentarfunktion erlaubt den Lesern eine direkte Stellungnahme zu jedem Artikel. Zudem platziert ein Verfahren namens Trackback automatisch Rücklinks auf den Seiten eines verlinkten Blogs. So können grenzüberschreitende Debatten über mehrere Blogs entstehen. "Nichts ist fertig, alles bleibt in Bewegung", sagt Doc Searls. "Wir sind eben lernende und lehrende Wesen." Funktionen wie Trackback sind für Social-Software-Anwendungen typisch.

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Frühere Groupware-Programme, etwa zur Projektorganisation in Unternehmen, ordneten das Verhalten der Gruppenmitglieder dem jeweiligen Projektziel unter. Social Software funktioniert nach dem Bottom-up-Prinzip, also von unten nach oben: Die Nutzer verfolgen zunächst ihre eigenen Ziele. Daraus entwickelt sich ein Austausch mit anderen, die wiederum Anregungen, Informationen oder Kontakte beisteuern - und schließlich ein dynamisches Geflecht von sozialen Beziehungen. Nur durch Interaktion, durch das Netzwerk, durch die Emergenz entsteht der Nutzen.

Der Fotodienst Flickr bietet seinen Nutzern die Möglichkeit, Bilder zu speichern und anderen zugänglich zu machen. Doch erst die Such-, Verknüpfungs- und Kommunikationsdienste machen den Bilderberg lebendig. Die Nutzer können thematische Gruppen aus eigenen und fremden Fotos anlegen, Bilder kommentieren und über das Web-Interface Nachrichten austauschen. Auf Wunsch informiert eine E-Mail darüber, dass bestimmte Fotografen neue Bilder publiziert haben. Flickr-Mitglieder können einzelne Bereiche ihrer Fotos mit Textnotizen versehen. Der Betrachter entdeckt diese Informationen beim Darüberfahren mit der Maus. Wer will, kann so mit Fotografien ganze Geschichten erzählen, jedes einzelne Bild in einen Zusammenhang stellen. Durch die Summe dieser Features erzeugt Flickr ein enorm dichtes soziales und inhaltliches Geflecht.

Fotografen, aber auch zufällige Besucher können Fotos mit "Tags" versehen, ihnen also frei definierbare Schlagworte zuordnen. Je mehr Menschen dieses Spiel mitspielen, umso präziser katalogisieren sie dabei die Bilder. Wohl auch wegen des "Tagging"-Know-hows hat Yahoo! neulich den Bilderdienst für angeblich 40 Millionen Dollar aufgekauft.

NETZ-PARTYS


Bei Del.icio.us, Furl, Spurl und anderen Diensten können Anwender ihre aktuellen Web-Lesezeichen "taggen" und mit anderen tauschen. Die Suchmaschine Eurekster ermöglicht ihren Nutzern sogar eine Art Teamrecherche im Web: Wer auf ein für sein Interessengebiet besonders relevantes Suchergebnis stößt, kann es entsprechend kennzeichnen - und bei der nächsten Suche nach dem gleichen Begriff rutscht es im Ergebnisranking nach oben. In so genannten "Search Partys" können Nutzer mit gleichen Interessen von den Sucherfolgen der anderen Gruppenmitglieder profitieren. Viele wissen immer mehr als wenige: Das Prinzip hat bereits der Internet-Enzyklopädie Wikipedia zu ihrem beispiellosen Erfolg verholfen.

Neue Dienste, neue Daten, neue Kommunikationswege. All das mag danach klingen, als würde bloß die persönliche Informationsflut weiter anschwellen. Neue Technologie soll helfen, den Strom in die richtigen Bahnen zu lenken: Heute publiziert bereits jede Blog-Software, die etwas auf sich hält, nicht nur Webseiten, sondern auch eine kleine, maschinenlesbare Datei, den so genannten RSS-Newsfeed ("Rich Site Summary" oder "Really Simple Syndication"). Darin finden sich die einzelnen Blog-Einträge, gänzlich befreit vom sie normalerweise umgebenden grafischen Design. Der Nutzer abonniert Feeds seiner Wahl in einem so genannten Feedreader. Diese Programme ziehen in regelmäßigen Abständen ihre Runden durchs Web, sammeln die aktualisierten Dateien ein und stellen den Inhalt gestaltungsneutral dar.

RSS erlaubt zwar effiziente Informationsbeschaffung im Netz, das Filtern dieser Information ist aber letztlich persönliche Hand- und Kopfarbeit. Am besten helfen können immer noch reale Menschen: Wer dreimal auf ein gutes Buch hingewiesen hat, dessen Tipp befolgen wir wahrscheinlich auch ein viertes Mal. Menschen filtern für Menschen. "Je mehr Möglichkeiten man hat, umso weniger weiß man, was man will", formuliert Michael Breidenbrücker. Sein in London ansässiges Unternehmen Last.fm versucht Menschen anhand ihrer Musikvorlieben zusammenzubringen.

"Musik transportiert viel mehr als eine MP3-Datei", weiß Breidenbrücker: "Wir versuchen, den sozialen Kontext herzustellen." Anhand ihres Musikgeschmacks unterbreitet Last.fm Anwendern nicht nur Vorschläge, sondern versucht auch, virtuelle Freundeskreise zu bilden. Über die Zeit hat Breidenbrücker auf diese Weise interessante Beobachtungen gemacht: "Unter den Songs bilden sich Cluster, Genre-Gruppen, die nicht von der Musikindustrie erfunden, sondern von den Nutzern erzeugt wurden." Auch Last.fm schafft so Ordnung jenseits hierarchischer Kategorien - mithilfe von Menschen.

Je größer und unübersichtlicher das Netz wird, desto größer wird auch das Bedürfnis nach Orientierung, Vertrauen und Verbindlichkeit. Und je mehr Menschen es bevölkern, umso wichtiger werden Normen und Schutzmechanismen - ob vor Spam oder bloßer Belästigung. Anonyme Webforen und Chatrooms ohne soziale Regeln verkommen leicht zu virtuellen Slums, in denen nur noch randständige Nerds, Querulanten und Verrückte herumirren. Nachhaltige Interaktion zwischen Menschen braucht verläßliche Beziehungen.

SOZIALE NETZE


Durch Feedback- und Rating-Mechanismen unterstützt Social Software den Aufbau von digitaler Reputation. Das Prinzip, dass jeder in der Gruppe die Beiträge anderer bewerten kann, ist nicht neu, sondern knüpft an die Konventionen in Web-Foren wie Slashdot an. So funktioniert auch das System von Ebay. Das Neue liegt im Zusammenspiel solcher Mechanismen mit einer Vielzahl von Verknüpfungs- und Kommentiermöglichkeiten. Dieses Geflecht schafft bei Diensten wie Flickr durchaus eine angenehme, ja persönliche Atmosphäre -- auch wenn viele Nutzer unter Pseudonymen auftreten. Doch wenn es um Geschäftsbeziehungen, Jobs oder Freundschaft geht, reicht das nicht mehr: Vertrauen erfordert letztlich Identität. Man will eben wissen, mit wem man es zu tun hat. Und wenn man es selbst nicht weiß, dann fragt man andere, auf deren Rat man vertraut.

So genannte virtuelle soziale Netze wie Friendster oder Orkut versuchen deshalb, die entsprechenden Konventionen der realen Welt zu modellieren. Hier dienen gemeinsame Freunde und Bekannte als Indiz für eine Geistesverwandtschaft. Der Grundgedanke: Der Freund eines Freundes kann eigentlich kein Unsympath sein. Die Chance der sozialen Kompatibilität ist also ausgesprochen hoch. Warum sich nicht einfach kennen lernen? Auf Partys oder am Arbeitsplatz passiert das jeden Tag schnell und unkompliziert; entsprechende Dienste im Internet erlauben es nun, die soziale Kette noch ein Glied weiter zu knüpfen: Auch der Freund des Freundes des Freundes ist plötzlich in Kontaktweite, egal, wo er sich geografisch gerade aufhält.

Dass solche Brückenschläge auch großen Einfluss auf unsere berufliche Existenz haben, stellte der Soziologe Mark Granovetter bereits in den 70er Jahren fest. Granovetter befragte Menschen danach, wie sie an ihren Job gekommen seien. Seine Erkenntnis: Nicht die engen Freunde oder Familienangehörigen, die so genannten "strong ties", sind bei der Jobsuche wichtig, vielmehr sind es meist die "weak ties" – die Freunde von Freunden oder sogar deren Freunde –, die den Kontakt zum künftigen Arbeitgeber herstellen. Diesen Umstand versuchen virtuelle Business-Netzwerke wie Linked- In oder OpenBC zu nutzen.

"Die Welt vernetzt sich immer mehr, gerade deshalb sind Vertrauen und Reputation, kurz: der Ruf, den man hat, immer wichtiger", sagt Konstantin Guericke, Mitgründer von Linked- In. Das Business-Netzwerk gibt sich exklusiv und diskret: "Die Mitglieder können nicht direkt miteinander Kontakt aufnehmen, außer sie kannten sich schon vorher. Sie müssen miteinander bekannt gemacht werden", erläutert Guericke.

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Wer mit einer Person ins Geschäft kommen will, schickt diese Bitte auf eine Hand-zu-Hand-Reise, die maximal bis zum vierten Bekanntschaftsgrad reichen darf. Sämtliche Personen, welche die Verbindungskette zwischen den potenziellen Geschäftspartnern bilden, können diese erste Anfrage einsehen, mit Anmerkungen anreichern und schließlich weiterreichen – oder eben auch nicht. Die Freunde und Bekannten dienen gleichsam als menschliche Spamfilter und schirmen die Zielperson vor nervigen Bittstellern ab.

NEUE OFFENHEIT


Guericke glaubt, gerade höhere Manager verließen fluchtartig eine Netzplattform, wenn sie mit Anfragen überschüttet werden: "In jedem System gibt es mehr Personen, die etwas verkaufen wollen und wesentlich weniger Käufer. Schafft man es nicht, das auszubalancieren, fliehen die Käufer, und das Netzwerk verliert an Wert."

Der in Hamburg ansässige Open Business Club (OpenBC) verfolgt eine diametral entgegengesetzte Strategie. "Wir sind davon überzeugt, dass die Zukunft in offenen Netzen liegt", sagt Gründer Lars Hinrichs: "Der Nutzer sollte entscheiden, wie er mit dem System umgeht." In den Standardeinstellungen offeriert jeder OpenBC-User auf einer Art Steckbriefseite seinen Lebenslauf, preist seine beruflichen Kenntnisse an und präsentiert vor allem seine Kontakte innerhalb der Gemeinschaft. Allerdings lässt sich die Offenheit der Persönlichkeitssphäre stufenweise einschränken. Auch dieses Club-Modell scheint zu funktionieren.

Sieht also so die Web-Welt des 21. Jahrhunderts aus? Wir teilen der ganzen Welt unsere Gedanken und Ideen mit (Blogs), präsentieren Bilder aus unserem Leben (Flickr), vermelden der Menschheit, was wir gerade lesen (Del.icio.us) und öffnen sogar für jedermann unser Adressbuch (Open BC)? Loïc Le Meur, Europachef von Six Apart, spricht von "Open Sourcing yourself". Le Meur meint damit eine Gegenbewegung zur Geheimniskrämerei: "Es geht um Offenheit, Transparenz, Klarheit. Es geht darum, die Open-Source-Idee auf die Geschäftswelt auszudehnen."

Die Zukunft der neuen Netzwerke wird sich freilich daran entscheiden, ob es ihnen jemals gelingt, Geld zu verdienen. Da etwa LinkedIn keinen Mitgliedsbeitrag verlangt, muss sich der Dienst über Anzeigen finanzieren. Ob das funktioniert, weiß heute noch niemand. Andere, wie PR-Mann Klaus Eck, relativieren den tatsächlichen Nutzen der neuen Web-Netzwerke. Zwar habe er schon einige "substanzielle Kontakte" durch seine OpenBC-Mitgliedschaft aufbauen können, aber durch sein Blog hätte er "zehnmal mehr Netzwerkeffekte gespürt als durch OpenBC". Die Businessbörsen würden sich weniger zur Anbahnung und Vertiefung von Kontakten eignen als zur Pflege bestehender Netzwerke, glaubt Eck.

Also alles doch nur ein Hype? Vor einigen Jahren weckten so genannte Peer-to-Peer- Netzwerke die Fantasie von Visionären und Analysten. Es ging um File-Sharing, um dezentralen, gleichberechtigten Daten- austausch zwischen Computern. Netzwerke wie Freenet zielten ab auf völlig anonymisierte, vor Zensur geschützte Kommunikation. Die Musikindustrie klagte die Peer-to-Peer- Tauschbörsen schließlich in Grund und Boden. Was blieb, war nicht die hochfliegende, revolutionäre Vision, sondern Technologien des verteilten Speicherns, wie sie von BitTorrent oder dem Internet Archive erfolgreich genutzt werden.

Werden auch vom Social-Software-Boom bloß ein paar neue Kommunikationstools übrig bleiben? Zwei starke Argumente sprechen dagegen. Der eine ist die massenhafte Verbreitung von Breitband-Internetzugängen, die letztlich erst effiziente Formen der Interaktion zwischen vielen Menschen im Netz möglich macht. Mobiles Breitband-Internet wird Dienste wie Flickr weiter beflügeln.

Das andere, vielleicht sogar das letztlich entscheidende, sind die Bedürfnisse der Menschen. In einer von zunehmendem Wettbewerb geprägten Wissensgesellschaft zählen nützliche Kontakte und persönliche, vertrauensvolle Beziehungen mehr als abgehobene Visionen von Virtualität und wechselnden Cyber-Identitäten.

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NEUE GEGENMACHT?


"Die entscheidende Frage lautet: Wie docke ich mich an die richtigen Netzwerke an?", sagt Medienexperte Thomas Burg: "Wer die neuen Möglichkeiten nutzt, hat einen klaren Vorteil gegenüber denen, die das nicht tun." Die gesamtgesellschaftlichen Auswirkungen der neuen Technologien könnten sich sogar als "brisant" erweisen, glaubt Burg: "Vernetzung hat auch immer etwas mit Macht zu tun." Das Internet und speziell Social Software gebe jedem die Chance, sich schnell und unkontrollierbar vorhandenen informellen Netzen anzuschließen oder selbst neue zu bilden: "Das könnte für bestehende Machtstrukturen problematisch werden."

Da sind sie wieder, die revolutionären Töne, doch diesmal nehmen sie eine andere Richtung: Versuchte John Perry Barlow das Internet als autonome Republik gegen den Rest der Welt zu verteidigen, spricht Thomas Burg von einer Umwälzung im realen Leben, ausgelöst durch menschliche Netze, die wir online knüpfen. Die Web-Netzwerke könnten freilich auch zur Bildung neuer Eliten führen, zu einer neuen digitalen Spaltung: Wer nicht dazugehört, verliert womöglich den Anschluss an die globale Wissensgesellschaft. Isolation im Web könnte zu Ausgrenzung und Ungleichheit in der realen Welt beitragen.

Die optimistische Alternative ist ein von Menschen geprägtes, ein menschlicheres Web, das immer mehr mit der Realität zusammenwächst - und zugleich auch eine Art Gegenentwurf bietet, neue Perspektiven und Horizonte eröffnet. Ausgerechnet im globalen Medium Internet könnten jene Lebenswelten neu entstehen, die vielen durch die Globalisierung zunehmend bedroht erscheinen: Während in der Offline-Welt der anonyme Großkapitalismus waltet, die Menschen Arbeitsplatzverlust und Entwurzelung fürchten, wachsen im Web neue Räume und Sphären, in denen Identität, Vertrauen und Zusammenarbeit herrschen.

Sicher, auch in Zukunft können sich RealNeo665, Crippled- Mind oder face1004 weiter im Netz tummeln, aber ihre Web- Ecken werden höchstens noch die Funktion eines Maskenballs haben. Wer Vorteile aus dem Internet ziehen und dort für sich nutzen will, wo wir alle Sozialversicherungsnummern haben, der muss als echte Person präsent und aktiv sein.

Das "Web 2.0" wird ein Ort für echte Menschen sein. Man wird sich diesem Web nicht so leicht verweigern können. Es wird bei manchen aber auch Ängste wecken. Es wird Gewinner und Verlierer geben, neue Chancen, aber wahrscheinlich auch neue Ungleichheit. Herzlich Willkommen in der Wirklichkeit.

Mario Sixtus lebt und arbeitet als freier Journalist in Düsseldorf. Wenn er nicht gerade über die bloggende Revolution schreibt, bloggt er - ganz unrevolutionär - auf www.sixtus.net. Sie finden den Artikel gut oder grundfalsch? Diskutieren Sie mit Forum oder im CIWI-Netzwerk[2]!

(Entnommen aus Technology Review Nr. 7/2005[3]; das Heft können Sie hier[4] bestellen

(wst[5]/Technology Review)

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[4] http://www.heise.de/abo/tr/hefte.shtml
[5] mailto:wst@tr.heise.de

2 Comments:

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